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Schienenpersonennahverkehr (SPNV) im Kreis Bergstraße

Verfasst von ceronimus am 10. Juni 2009

Einblicke und Hintergründe von Sven Grahner IG Pro Schiene

335702_R_K_B_by_RainerSturmDie Verkehrsunternehmen tun, was sie können, um guten Nahverkehr abzuliefern. Doch für den Fahrplan sind sie letztendlich nicht verantwortlich, auch wenn sie bei der Planung beraten. Die Verkehrsunternehmen können auch nichts dazu, wenn die bestellten Kapazitäten nicht ausreichen und Busse und Bahnen überfüllt sind.

Wer entscheidet über den Nahverkehr im Kreis ? An wen richten sich unsere Wünsche nach Verbesserung im Nahverkehr ?

Zunächst an Kreisverwaltung und Kreistag, indirekt an die hessische Regierung und den hessischen Landtag, aber auch in Berlin wird über Rahmenbedingungen entschieden, wie z.B. Kürzung oder Beibehaltung der Regionalisierungsmittel. Aber direkt zuständig für den Nahverkehr im Kreis Bergstraße sind Kreisverwaltung und Kreistag und das seit fünfzehn Jahren..
Mitte der neunziger Jahre waren die Zuständigkeiten für den Nahverkehr neu geordnet worden, vor allem durch die jeweiligen Landesnahverkehrsgesetze. Für das Grundgerüst des Nahverkehrs, für den Nahverkehr auf der Schiene sind in Hessen seitdem die Landkreise die Aufgabenträger . Die Kreise werden von den jeweiligen Verkehrsverbünden unterstützt, der Kreis Bergstraße also vom VRN, dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar, mit Sitz in Mannheim. Das letzte Wort hat aber hat der Kreistag in Heppenheim. Nach den Buchstaben des Gesetzes bestimmt der Kreis, was der VRN an Planung und Betriebsvergabe zu vollziehen hat.

In der Praxis läuft es zwischen Kreis und VRN aber eher umgekehrt. Die Vorlagen der Verwaltung werden vom VRN ausgearbeitet und der Kreistag stimmt zu. Der Kreis Bergstraße ist auf den VRN mehr angewiesen als die anderen hessischen Landkreise auf ihre zuständigen Verbünde, weil der Kreis Bergstraße keine vom Verbund unabhängige Nahverkehrsgesellschaft hat wie die anderen hessischen Kreise. Diese Aufgabe hat der VRN gleich mit übernommen. Schön für den VRN! Keine Gegenintelligenz !

Keine fordernde und kontrollierende Fachkompetenz mit der sich der VRN auseinander setzen muss. Die Konstellation hat sich nicht bewährt. Der Schienenpersonennahverkehr entwickelte sich im Kreis Bergstraße nicht so gut wie in anderen hessischen Kreisen.

368377_R_B_by_Matthias-BalzIm Kreis Darmstadt-Dieburg wird z.B. die Strecke DA-Eberstadt nach Pfungstadt reaktiviert. Außerdem war in Darmstadt war „Jakoubeksche Kurve“ gebaut worden, wie die Anbindung von der Odenwaldbahn Richtung Frankfurt genannt wird..

Im Odenwaldkreis wurde die Odenwaldbahn modernisiert. Im Hochtaunus-Kreis wurde unter Landrat Banzer (heute Sozialminister in Wiesbaden) die Taunusbahn in Regie des Kreises ausgebaut und von einem Zweckverband betrieben. Hinzu kommt, dass sich Hessen bei der Förderung des Schienenverkehrs in der Fläche im Vergleich zu anderen Bundesländern, wie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, schwerer tut. Das wird deutlich an den guten Entwicklungen in den Nachbarländern.

Im Rhein-Neckar-Kreis ist die S-Bahn-Erweiterung ins Elsenztal und ins Schwarzbachtal nach Aglasterhausen im Bau (Aglasterhausen ist mit Wald-Michelbach vergleichbar). In der Pfalz verzeichnete der Schienennahverkehr durch Streckenreaktivierungen und Einführung des Rheinland-Pfalz-Taktes einen beeindruckenden Fahrgastzuwachs. Ganz zu schweigen vom Karlsruher Stadtbahnnetz. In den letzten fünfzehn Jahren wurde das Karlsruher Stadtbahnnetz zu einem der größten und vorbildlichsten Europas ausgebaut, mit großen wirtschaftlichen Vorteilen gerade für das weitere Umland.

Auch der Blick in die Zukunft stimmt für den Kreis Bergstraße wenig hoffnungsvoll. Die Verkehrsverbünde von Rhein-Main und Nord-Hessen haben fertige, detaillierte Planungen für Verbesserungen, wie zusätzliche Haltepunkte u.a. in regionalen und lokalen Nahverkehrplänen vorliegen. Der Unterschied zu den knappen und sehr allgemein gehaltenen Nahverkehrsplänen, für die der VRN verantwortlich zeichnet, könnte größer nicht sein. Diese Fehlentwicklung gipfelt in dem Vorschlag der VRNs, den lokalen Nahverkehrsplan zunächst erstmal nicht mehr fortzuschreiben, angeblich um die Anpassung an die neuen EU-Vorgaben abzuwarten. Der Kreistag akzeptierte dieses Vorgehen, obwohl überall in Deutschland die Regionalpläne fortgeschrieben werden.

Der Kreis Bergstraße, bzw. der von ihm beauftragte VRN, bemüht sich zu wenig um Sicherung und Ausbau der vorhandenen Gleichinfrastruktur. Wenn keine offizielle Planung vorliegt, führt das dazu, dass in Zukunft benötigtes Bahngelände anderen Zwecken zugeführt wird und demnächst für den dringend nötigen Ausbau nicht mehr zur Verfügung steht. Genau das geschah und geschieht an vielen wichtigen Punkten, beispielsweise an den Bahnhöfen Bensheim und Weinheim. Z.B hat der VRN bei der Bahnhofsumfeldplanung in Weinheim bislang versäumt klarzustellen, dass die vorhandene Gleisinfrastruktur nicht ausreicht und Gelände für die Erweiterung reserviert werden muss. Nur dann können die hessischen Nebenbahnen besser angebunden werden und die zunehmende Belastung durch Güter- und Fernverkehr bei der Fahrplangestaltung aufgefangen werden. Die Bergstraße ist ein Nadelöhr für den gesamten Bahnverkehr. Niemand kümmert sich darum. In der Folge wird es den Nahverkehr am stärksten treffen, weil er die meisten Einschränkungen hinnehmen muss. Bei den Bahnen im Kreis Bergstraße gibt es einen Planungsstau .

Es müssten schon längst Planungen für verschiedene Verbesserungen vorliegen:

  • Zusätzliche Durchgangsgleise und Gleisharfen in den Bahnhöfen
  • Zusätzliche Haltepunkte
  • Ertüchtigung der Bahntrassen um höhere Geschwindigkeiten zu erlauben
  • Zusätzliche Kreuzungen, Ausweichgleise und Verbindungskurven für mehr Flexibilität bei der Fahrplangestaltung und bei Störfällen

Die Untätigkeit bei der Planung wird sich nachteilig auswirken, denn die Fördergelder werden knapper. Teilweise laufen sie in einigen Jahren aus. Zurzeit hört man lediglich von Überlegungen zu einem zusätzlichen Haltepunkt auf der Weschnitztalbahn. Möglicherweise handelt es sich auch um die Verlegung eines Haltepunkts.(Der VRN plant „streng geheim“ ohne Beteiligung des Kreistags.)

Eine Ertüchtigung der Trasse und die Verbesserung der Schieneninfrastruktur würde mehr als einen zusätzlichen Haltepunkt ermöglichen. Außerdem ist natürlich der Einsatz von 282970_R_K_B_by_RainerSturmbeschleunigungsstärkeren Triebwägen vorgesehen. Auch die Entscheidung  über den nach 2015 verwendeten Triebwagentyp geht zurzeit am Kreistag vorbei.

Für den Kreis Bergstraße wäre es ideal, wenn ebenso wie für die Odenwaldbahn und neuerdings auch für die Taunusbahn die Fahrzeuge von der RMV-Tochter Fahma geleast würden. Wenn bei der Ausschreibung feststeht, dass und welche Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden, würde das erst den Wettbewerb ermöglichen. So wie es jetzt vorgesehen ist, dass nämlich die Fahrzeuge mitgebracht werden müssen, steht von vornherein fest, dass nur die DB in der Lage ist einen so großen Auftrag anzunehmen.

„Öffnung des Betreiber Markts durch Reduzierung von Zugangshemmnissen“ und „Reduzierung des Einsatzes öffentlicher Mittel durch Nutzung günstiger Finanzierungsmöglichkeiten sowie die Reduzierung des Rest- und Wiedereinsatzrisikos der Eisenbahnverkehrsunternehmen“ heißt das im Fachjargon. Eine Zusammenarbeit mit der Fahma würde auch die Herauslösung der Bergstraße aus dem Dieselnetz Südwest ermöglichen. Als Anhängsel des großen Dieselnetz Süd-West, dessen Konditionen wahrscheinlich schon jetzt von DB Regio, Rheinland-Pfalz und VRN ausgehandelt werden, hat der Kreis Bergstraße als kleiner Betreiber nichts zu melden und kann keine Berücksichtigung der speziellen Anforderungen seiner Strecken erwarten.

Die Fahma besitzt zurzeit schon zwei verschiedene Fahrzeugtypen und könnte wahrscheinlich für den Kreis Bergstraße auch genau das gewünschte anschaffen. Das Problem der zu großen Einheiten ist auch von der Ausschreibung des Busverkehrs her bekannt. Die Busnetze werden, um Wettbewerb zu ermöglichen, in Lose aufgeteilt. Bei der Vergabe des Busverkehrs auf zehn Jahre war noch ein anderes Problem hinzu gekommen. Vor einer Ausschreibung von Buslinien wird im Allgemeinen noch mal untersucht, ob Streckenführung, Anschlüsse und Fahrpläne optimiert werden können.

Darauf hatte der VRN leider verzichtet und einfach das ausgeschrieben, was zurzeit gerade fährt. Es ist also noch einiges zu tun und es kann sicher noch manches verbessert werden.

Autor: Sven Grahner (IG Pro Schiene)
Bilder/Quelle: Rainer Sturm und Matthias Balz/www.pixelio.de

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